Currywurst | Itineraries of taste

Currywurst

Berlin und Hamburg – Zwei Städte, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Lässige „Arm, aber sexy“-Mentalität vs. hanseatisches Understatement. Klar, dass da eine gewisse Konkurrenz nicht ausbleibt. Doch hätten Sie gewusst, dass sich dieser traditionelle Wettstreit in einer ganz bestimmten Frage zuspitzt: Wer hat’s erfunden? Denn wenn es um das Thema Currywurst geht, geraten Berliner und Hamburger regelmäßig aneinander: Welche Stadt ist die Heimat des beliebten Snacks? Ein Politikum, dass längst nicht nur die Bevölkerung beschäftigt. Auch einem bekannten Schriftsteller diente der Wurststreit schon als Romanvorlage. Doch dazu später mehr.
 
Begeben wir uns also auf die Spuren der vielzitierten Currywurst. An einem Namen, so merken wir schnell, ist kein Vorbeikommen: Herta Heuwer. Glaubt man der landläufigen Meinung, dann ist sie, eine Berliner Imbissbuden-Besitzerin, die „Mutter der Currywurst“. Ihre Erfindung: ein purer Zufall. Eine Mischung aus Langweile und fehlender Kundschaft war es, die sie am 4. September 1949 dazu brachte, mit verschiedenen Zutaten zu experimentieren. Tomatenmark, frische Paprika, Paprikapulver und eine Handvoll Gewürze – die berühmte Currysauce war geboren. Geschäftstüchtig wie sie war, meldete Herta Heuwer ihre Kreation 1958 sogar beim Patentamt an. „Chillup“ (abgeleitet aus Chili und Ketchup), so der Name ihrer nunmehr gesicherten Bildmarke.
 
„Moment mal“, tönt es da aus Hamburg. „Unsere Currywurst gab es schon viel früher.“ Als Gegenbeweis führen die Nordlichter eine Novelle an: „Die Entdeckung der Currywurst“ von Uwe Timm. Darin erzählt er die Geschichte der Hamburgerin Lena Brücker. Sie, so der Romancier, habe die Currywurst nämlich schon 1947 erfunden. Und zwar durch einen Treppensturz, bei dem sich zufällig Currypulver mit Tomatenketchup vermischt habe. Wahrheit oder Fiktion? Auch wenn es sich bei Lena Brücker um eine Romanfigur handelt, ist sich Uwe Timm sicher, seine erste Currywurst 1947 gegessen zu haben. Und zwar in Hamburg. Dazu passt, dass die Hafenstadt schon damals Hauptumschlagplatz für Gewürze gewesen ist. Denn wie soll Frau Heuwer in Zeiten der Mangelwirtschaft ausgerechnet in Berlin an Curry gekommen sein, fragen sich die findigen Hamburger.
 
Doch ganz gleich, welche Stadt den Titel letztendlich für sich beanspruchen kann: Der Currywurst-Appetit der Deutschen ist ungebrochen. Stolze 800 Millionen Würste gehen pro Jahr über die Imbisstheken der Nation. Und nicht nur dort. Auch in Deutschlands Kantinen sorgt die scharfe Wurst regelmäßig für lange Schlangen. Salatbar in allen Ehren, aber wenn es um die Wurst geht, schlägt das Herz der Deutschen eben doch höher.
 
Aller Popularität zum Trotz ist die Currywurst dennoch kein standardisierter Snack. Feine regionale Unterschiede sorgen dafür, dass das „Steak des kleinen Mannes“ in jeder Stadt anders schmeckt. Fangen wir mit der Grundsatzfrage an: Mit oder ohne? Wie bitte? Na, ganz einfach, mit oder ohne Darm. Zugeben, im Berliner Ostteil werden Sie diese Frage wohl zu hören bekommen. Schließlich waren Naturdärme zu DDR-Zeiten Mangelware. Um dennoch in den Genuss des urdeutschen Soulfoods zu kommen, setzen ostdeutsche Metzger auf Brühwürste ohne Darm. Und so schmeckt sie vielen Berlinern auch heute noch am besten, wie zum Beispiel in „Konnopke’s Imbiss“ im Prenzlauer Berg. Ob Handwerker, Studenten, Touristen oder Altkanzler Gerhard Schröder – Der traditionsreiche Imbiss unter den U-Bahn-Bögen zieht sie alle magisch an.
 
Ganz anders sieht man die Wurstfrage übrigens im Ruhrgebiet. Zwischen Emscher und Ruhr darf nur eine mit Currysauce bedeckt werden: eine waschechte Bratwurst. Mit oder ohne, das bezieht sich hier allenfalls auf die Beilage – mit Pommes oder Wurst pur. Bewirbt sich da vielleicht eine dritte Region um den Titel der Currywurst-Hauptstadt? Eine eigene Hymne könnte das Ruhrgebiet jedenfalls schon vorweisen: „Currywurst“, gesungen von niemand Geringerem als Herbert Grönemeyer.
 
Ihr streng gehütetes Geheimrezept hat Herta Heuwer übrigens mit ins Grab genommen. Nur so viel: Ihre Currysauce hat weder Ketchup noch eine fertige Würzmischung gesehen, Ehrensache. Ob sie nun die wahre Erfinderin der Currywurst ist? Wer will das schon so genau wissen. Lieber probieren wir uns quer durch Deutschland und küren in jeder Stadt unseren ganz persönlichen Currywurst-Favoriten. Denn wer hat schon gesagt, dass es nur einen geben kann? In diesem Sinne: Einmal ohne, extra scharf, bitte.

Weitere Geheimnisse des Geschmacks

Kulinarisches auf einen Blick

Wir empfehlen auch
X